Kraftmaler

Noch hat Jonas Burgert keine einzige eigene Ausstellung gehabt. Seine Bilder sind trotzdem ausverkauft – selbst Grosssammlern bleibt nur ein Platz auf der Warteliste. Vor der Art Basel gilt der Berliner als Geheimtipp der Stunde  

Ob Steinpilze oder Eierschwämmli – Jonas Burgert kennt das komplette Sortiment an Beutelsuppen. Mit dem Billigzeugs aus dem Discounter hat sich der Maler über Jahre seinen Magen ruiniert. Heute könnte der Berliner statt vor Nudelterrinen jeden Tag beim Edel-Italiener sitzen. Für den bodenständigen Kunstmarkt-Aufsteiger wäre das jedoch eine echte Grosskotz-Geste. «Zehn Jahre hat sich kein Schwein für mich interessiert», berichtet der 1969 geborene und seit kurzem von Topsammlern hofierte Shootingstar, «und jetzt gehen die Bilder nass raus. Aber ich vergesse es nicht, wie das ist, Staub zu fressen.»  Starke Worte unter Kitschverdacht – daran muss sich gewöhnen, wer mit Jonas Burgert ins Gespräch kommt. Unter den ganz grossen Themen macht es der 1,90-Meter-Mann nämlich nicht. Eros, Tod und Weltenlauf: Der Erfolgsmaler mit sportivem Händedruck und philosophischem Background scheut weder Pathos noch Bildungslücken. Sein Motto: Lieber hoch hinaus und grandios scheitern als sich in einer überfüllten Schublade der Kunstkritik zu verbarrikadieren. Das lasche Diskurs-Gesäusel der eigenen Zunft ist ihm suspekt. Manche seiner Jungstarkollegen erscheinen ihm als kraftlose Muttersöhnchen. «Da gibts nur eine Diagnose», lacht Burgert und zündet sich eine Filterlose an: «Die sind einfach zu früh von der Brust gekommen!»   Wer heftig austeilt, muss eine gute Deckung haben. Beim Blick auf Burgerts Bilder, zeigt sich, dass hier kein Grossmaul eigene Schwächen tüncht. Der Maler, Sohn eines Bildhauerprofessors, füllt seine Leinwände mit traumwandlerischer Perfektion. An einer Mauer der als Atelier genutzten Fabrikhalle, abseits der Berliner City, im morbiden Ost-Stadtbezirk Weissensee, lehnt ein fast fertiges elfteiliges Wandbild – das ehrgeizige Auftragswerk des Sammlers Hans-Joachim Sander für den Salon seiner Potsdamer Villa.   In den Arbeitspausen wechselt Jonas Burgert –«zur Erholung», wie er sagt – an die Wand gegenüber. Von der Leiter malt er an einer 4,5 x 6 Meter grossen Komposition. Ohne an die prominent besetzte Warteliste zu denken. Inspiriert vom Werbemogul und Kunstsammler Charles Saatchi, der Burgert im Herbst in seiner «Triumph of Painting»-Show in London präsentiert, wagt der Aufsteiger den grossen Wurf. Und siehe, es wird gut: Das Ausnahmetalent zwingt das szenische Melodrama aus Kreuzabnahme, Bombennacht und Opferbergung in eine suggestive Bildordnung. Ohne Karton, ohne Raster, frei aus der Hand. So etwas gelingt nur echten Könnern.  Während des Studiums hat Jonas Burgert seine surreale Geschichtenmalerei nicht gelernt. In den Neunzigerjahren gelten Lasurtechnik und Figuration als uralte Zöpfe. Unbewusst hält schon der Student an der Berliner Hochschule der Künste gegen das ideologische Normprinzip. Doch es braucht Jahre, bis aus der Auflehnung etwas ganz Eigenes wird. Wie Diogenes in die Tonne verzieht sich der erfolglose Traumtänzer zunächst in die fremden Welten von Molekularbiologie und Naturphilosophie. Über das Schicksal des Pfeilschwanzkrebses, um den die Evolution einen Bogen macht, freut sich Burgert wie über einen alten Verwandten. Aber irgendwann ist es genug mit dem rationalen Weltprinzip und seinen monochromen Strukturen. Im Rausch einer Nacht kehrt ihm das älteste Thema der Malerei zurück – der Mensch.  Es ist als wenn der Pfropfen endlich aus der Flasche knallte. Von der menschlichen Kreatur kann er seitdem nicht mehr lassen. In schier überbordender Fantasie malt Jonas Burgert die Welt als Kulisse und Vorstellung. Und lässt keinen Zweifel, wer die Hauptrollen im Magma der Farben spielt – natürlich der Künstler. Ob als Schamane, Clown oder Lichtgestalt: Burgerts Akteure, vom «Mondjäger» bis zum «Schlangentöter», wie die für ihn typischen Bildtitel heissen, sind Nachfahren historischer Künstlermythen. «100 Prozent Oper, aber auch 100 Prozent Ernst» – mit diesen Worten hat Christoph Heinrich, Kustos der Hamburger Kunsthalle, das ästhetische Prinzip des Shootingstars treffend beschrieben. Der Museumsmann besorgt auch den ersten Ankauf. Burgert bringt sein für 4500 Euro verkauftes Bild «Milch bleichen», dessen Wert sich binnen eines Jahres fast verzehnfacht hat, selbst vorbei. Als er einen Fussel von der Farbe wischt, schreit ihn ein Restaurator empört zusammen. «Da hab ich begriffen», meint Burgert, «wie das ist, wenn man von seinen Bildern Abschied nimmt.»  Neue Zeiten, andere Sitten. An den Kapitalwert seiner Kunst hat sich der Berliner inzwischen gewöhnt. Seine komplexen Mythenrätsel passen in das Comeback einer Neoromantik und kommen im wertehungrigen Aufbruch «neuer Malerei» bestens an. Seitdem der bekennende Existenzialist im letzten Jahr in der Ausstellung «Geschichtenerzähler» neben Malergrössen wie Peter Doig und Neo Rauch überzeugte, zeigt sein Index steil nach oben. Jüngst hat das Bild «Bergung» demonstriert, wohin die Reise geht. Auf maximal 7.000 Euro taxiert, fiel der Hammer des Auktionators erst bei 32.000 Euro. Und das, obwohl er weder Ausstellung noch Katalog vorweisen kann. Als Versuchung empfindet er die Macht des Geldes nicht. Dafür hat er zu lange wie ein Eremit gelebt. «Was wirklich zählt», sagt Jonas Burgert und blinzelt beim Abschied versonnen in die Berliner Abendsonne, «ist doch nur, dass die Kunst um den Wahnsinn kämpft.»

Text: Paul Kaiser