“Tote Harlekine” ZEITmagazinLEBEN vom 06.03.2008

Tote Harlekine
Jonas Burgert ist auf dem Weg, einer der wichtigsten deutschen Maler zu werden. Die Nacht und die Langeweile helfen ihm dabei.

Jetzt, am Nachmittag, sitzt ein erstaunlich undüsterer Jonas Burgert auf diesem ranzigen Samtsofa, breitbeinig, Zigarette in der einen, Feuerzeug in der anderen Hand. Er ist ein großer Mann mit großen Händen, 37 Jahre alt, Fünftagebart und wirrem blonden Haar. Er habe erst mal ausgeschlafen, sagt er, lacht kratzig und trinkt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Hinter ihm an den Wänden lehnen Riesenformate, hoch und breit wie die Stirnseiten der Fabrikhalle.

“Gerade male ich dieses Riesenteil hier”, sagt er und zeigt auf eine Leinwand, vier mal sechs Meter und so albtraumhaft wie fast jedes seiner Bilder: Da brechen geometrische Bodenstrukturen auf, wie nach einem Erdbeben. Und aus der Dunkelheit, aus der Tiefe dringt diese neongrüne Flüssigkeit. “Gift”, sagt Burgert. Die Kreaturen stürzen sich darauf, schöpfen es mit bloßen Händen, als sei es flüssiges Gold. Doch die Ersten, die davon genommen haben, sacken leblos zusammen. Ihre toten Körper säumen den Bildrand, und man hofft für Jonas Burgert, dass es nicht der Blick in seine eigene Psyche ist, den er offenbart.

“Nein, nein”, sagt der Künstler, er sei eigentlich ein ganz lustiger. Wahrscheinlich weil er alles Düstere auf der Leinwand lasse. “Ich will diese naive Hoffnung der Menschen darstellen. Wie wir ständig auf der Suche nach etwas sind, nach einer Quelle, und uns am Ende daran selbst vergiften.”
Auch Burgert war lange auf der Suche. “Zehn Jahre lang habe ich gemalt und gemalt, und keinen hat’s interessiert”, sagt er und grinst zur Ironie der eigenen Geschichte: Nach dem Studium an der Berliner Universität der Künste mietet er sich eine Garage an der Schönhauser Allee, für 80 Euro im Monat, Fenster gibt es nicht, kalt ist es auch. Um Farbtuben und Essen kaufen zu können, kellnert er tagsüber, trägt Kabel, schuftet auf dem Bau. Hauptsache, nichts, wofür man den Kopf braucht. Den braucht er für die Nacht, für seine Bilder.
Und plötzlich gilt er als Shootingstar der jungen deutschen Kunst. Christoph Heinrich, Leiter der Hamburger Galerie der Gegenwart, sah zwei seiner Bilder auf einer kleinen Berliner Kunstmesse. Eines kaufte er. Und kurze Zeit später zeigte er Burgerts Werke auf einer Gruppenausstellung gegenwärtig: Geschichtenerzähler neben denen von Neo Rauch.
“Sechs Schinken durfte ich hinhängen”, sagt Burgert und macht die Augen groß, als könne er es noch immer nicht fassen. Und schon vor Ausstellungseröffnung waren die Wände leergekauft. “Wie im Film ist das”, sagt er, “ich warte immer noch darauf, dass bald der Abspann kommt.” Da würden dann wohl die Namen seiner Sammler stehen: Falckenberg, Olbricht, Saatchi. Oder die sechsstelligen Preise, die seine Bilder mittlerweile auf “diesem verrückten Kunstmarkt” erzielen. Oder die Ausstellungen, die er hatte in Tokyo, in Berlin und Hamburg. “Ich habe keine Bilder mehr”, sagt Burgert. Ausverkauft.

Deshalb ist er jetzt so oft wie möglich im Atelier. Es ist kalt hier, der schwarze Ölofen, den er sich geleistet hat, reicht nicht, um den Raum zu heizen, die sechs Meter hohen Decken, den glatten Betonboden, die fensterlosen Wände. Es riecht nach Zigarettenrauch und Farben.

Burgert steht im dunklen Mantel vor einer zugeklebten Wand: Da hängen unzählige Fotografien, eine Menschenmasse bei einem indischen Ritual, eine Frau, die in Trance ihre Augen nach innen dreht, eine Gruppe schwarzer Kinder, die kerzengerade auf roter, staubiger Erde steht. “Das ist mein Archiv”, sagt Burgert und müht sich, die Körperhaltung der Kinder nachzuahmen. “Wie die stehen, das hat so etwas Archaisches, diese Körperspannung”, sagt er, genau das versuche er einzufangen, “ein bisschen was vom Urprinzip Mensch”, so sagt er. Und tatsächlich: Man findet sie sofort in seinen Bildern wieder, diese Figuren, stehend, mit durchgestrecktem Rücken. Hockend, mit hängenden Armen, wie kleine Affen. Das finde er wahnsinnig faszinierend, sagt Burgert.

Er tritt seine Zigarette auf dem Boden aus. Dann lässt er sich wieder auf das Sofa sinken und schaut an die Wand. Das mache er immer, bevor er male, so lange, bis er sich langweile. “Langeweile”, sagt er, “ist der Schlüssel zu jeglicher Kreativität.” Und es dauere eben seine Zeit, bis er in den richtigen Zustand zum Arbeiten gelange. “Man muss das Bild ja erst mal empfinden, bevor es auf die Leinwand kommt.” Und wenn es so weit sei, dann male er fünf Stunden am Stück.
Fünf Stunden mit Traum- und Albtraumgestalten, mit toten Harlekinen, Freud und neongrünem Gift. Man kann sich vorstellen, wie Jonas Burgert in so einer Nacht mit jedem Strich in den Zwischenräumen seiner Bilder verschwindet. Doch im letzten Moment, so sagt er, dreht er dann den schwarzen Knopf des alten Radios, das zwischen Totenschädel und Kunstkatalogen im Regal steht. Und irgendein Moderator erzählt ihm vom Berliner Wetter und von der Welt da draußen. Dann fühle er sich nicht ganz so einsam in seiner, sagt er. Dann wisse er, dass außerhalb der Weißenseer Nacht noch echte Menschen wohnen. Und das sei irre beruhigend.

Jonas Burgert wurde 1969 in Berlin geboren. Er studierte an der Universität der Künste in Berlin und war Meisterschüler bei Dieter Hacker. 2005 wurde er durch Zufall vom Leiter der Hamburger Galerie der Gegenwart entdeckt und stellte dort wenig später aus: Seine Werke hingen neben denen von Neo Rauch. Seither ist Burgert auf dem internationalen Kunstmarkt sehr begehrt.