Eva Karcher h.o.m.e.

Jonas Burgert, auf Ihren Gemälden kriechen kahlköpfige, hohläugige Jammergestalten durch verwüstete Landschaften, das Licht ist fahl, die Farben psychedelisch – beschwören Sie die Apokalypse?

Nein, das sind keine Weltuntergangsbilder. Sie sind ernst. Aber sind nicht nur die unglücklichsten, sondern auch die schönsten Momente in unserem Leben ernst?. Wenn ich jemandem sage: „Ich liebe dich“, dann lache ich nicht dabei. Oder wenn ich in einer Landschaft bin, die mich umhaut – dann schweige ich.

Dennoch scheinen die Akteure Ihrer Werke meistens heillos.
Das finde ich eben nicht. Okay. Es gibt uns als reale Figuren, und es gibt unseren Subtext. Innere Persönlichkeiten. Ich behaupte, dass Sie und ich jeder mindestens 20 dieser Seelen in unseren Köpfen versammeln. Wie Nietzsche sagte: Ich sind viele. Meinen Sie unsere multiplen Ichs? Ja. Es geht darum, dass jeder von uns eine sehr viel komplexere Persönlichkeit besitzt, als wir sie nach außen präsentieren können. Wir alle haben zahlreiche Alter Egos. Ich definiere sie als Wasserzeichen von uns selbst und so male ich sie.

Als groteske Projektionen?
Es sind ideale Ichs, aber auch Ichs, die unsere dunklen Seiten markieren, unsere Süchte. Deshalb bin ich das Gegenteil eines realistischen Malers. Ich will Erkennbarkeit, aber auf einer symbolischen Ebene. Wenn Sie sich auf die Szenarien hier länger einlassen, werden Sie merken, dass sie gar nicht so irrsinnig sind. Da agieren keine verrückten Außerirdischen, sondern Menschen, die komische Kleider tragen und ihre Haut färben. Aber abwegig sind sie nicht, jedenfalls keine Phantasy-Monster.

Oft tragen sie Masken …
Tun wir das nicht ständig? Wir alle verkleiden uns, wir wollen mehr scheinen als sein – oft mit tatsächlich schlimmen Ergebnissen.

hat das mit unserer Annäherung an Identität zu tun?
Ja, mit dieser unausrottbaren Sehnsucht, die Definition von uns selbst immer wieder neu zu starten. Das ist unser Kernproblem: Wir stellen uns existenziell ständig in Frage. Ständig suchen wir nach Orten, an denen wir uns einbetten können.

Sie meinen, Sie malen unsere Sehnsucht nach Geborgenheit?
Sehnsucht ist doch unser treuester Begleiter, oder? Es ist eines der schönsten Worte der deutschen Sprache. Sehnsucht beschreibt, dass wir süchtig danach sind, uns nach etwas zu sehnen.

Weil wir sterblich sind?
Genau. Deshalb brauchen wir Spiritualität, eine Sphäre, die größer ist als das, was wir sind. Ich male einen Ort außerhalb der Zeit. Eine Bühne, auf der wir unsere Existenz verhandeln. Mit meiner Malerei will ich Räu- me unserer geistigen Repräsentanz schaffen.

Symbolische räume?
Ja. Unsere gesamte Kultur ist doch nichts anderes als das Schaffen von geistiger Repräsentanz. Was für einen ungeheuren Aufwand betreiben wir dafür von Anfang an! Inzwischen weiß man, dass die ältesten Tempel der Welt 12.000 Jahre alt und aus Stein sind. Der Archäologe Klaus Schmidt fand sie im Südosten der Türkei, in Göbekli Tepe, darunter riesige Felsstelen, behauen mit Tierreliefs. Diese Konstante des Menschen, sich ästhetisch verewigen zu müssen, ist mein Thema.

Langsam wandern wir durch sein hallengroßes Atelier, vorbei an Leinwänden, die noch auf das Finish des Künst­lers warten. Schließlich stehen wir an der Stirnseite vor dem Porträt eines männlichen Wesens, das aussieht wie eine Kreuzung aus Krieger und Clown, mit farbbekleck­ sten Hosen und einem Kopfputz aus dürren Zweigen und Trockenblumen.

Sieger oder Verlierer?
Finde ich gut, dass das nicht eindeutig lesbar ist! Der da blickt ziemlich herausfordernd, doch scheint es ihm nicht schlecht zu gehen.

Warum trägt er dieses Gebilde auf dem Kopf?
Sie schmücken die häupter gerne mit Federn, Turbanen, Bandagen, wenn die Köpfe nicht kahl geschoren sind … Schmücken ist das Stichwort. Diese Typen dekorieren sich, genauso wie sie ihre Körper mit Kostümen drapieren. Es geschieht alles für die Illusion von uns selbst. Wenn ich mir einen neuen Anzug kaufe, dann trete ich an dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal trage, ein wenig anders auf, stolzer. Es ist damals wie heute das Gleiche: Früher haben sich die Eingeborenen die Gesichter und Leiber tätowiert, bevor sie andere Stämme angriffen, um sich dem Feind gegenüber angstloser zu fühlen.

Und warum die mit Bändern umwickelten Gliedmaßen?
Mit ihnen arbeite ich ständig. Sie verbinden, aber sie fesseln auch. Sie kommunizieren auf vielfältige Weise. Sie sind Grundformen in meinem Repertoire, genau wie die speerartigen Stäbe. Archaische Utensilien.

Die Sie mit modischen Jetztzeit-Attributen mixen …
Genau. Ich mische die unterschiedlichsten Epochen und Kulturkreise, Afrika, Indien, Papua-Neuguinea, Europa. Aber ich habe kein historisches Anliegen. Es geht mir um Ausstrahlung. Um Präsenz.

Wie entstehen Ihre Bilder?
Ich mache wenige Zeichnungen, sondern beginne einen neuen Zyklus parallel auf mehreren Leinwänden. Wie die alten Meister fange ich oft mit dunklen Grundierungen an. Im Malprozess werde ich dann farbintensiver, dabei in der Tonalität kälter.

Welche Rolle spielen die Farben?
Eine entscheidende. Es hat mindestens zehn Jahre gedauert, bis ich bestimmte Farbkontraste malen konnte. Das ist ein hoch komplizierter Prozess. Über die Farbe versuche ich, den Zynismus unserer Gegenwart zu dokumentieren, den scheinwerfergrellen Unterhaltungswahnsinn der Medien, dem wir alle ausgeliefert sind. Diese Perfidie, uns mit immer neuen Konsumnarkotika zu betäuben und dabei uns und unsere Umwelt zu zerstören. Das soll aber nicht moralisch klingen. Die Farbigkeit ist eher ein abstrakter Umweg für mich, diese Ebene in die Bilder hereinzuholen.

Wie lange brauchen Sie für die Formate, die manchmal über sechs Meter messen?
Rund zwei Monate. Ich hatte immer Lust auf große Dimensionen. Man arbeitet mit anderen Proportionen und kann viel mehr eintauchen. Aber jeder kleine Fehler kann eine Katastrophe sein, die das Bild aus- einanderfallen lässt.

Seit fünf Jahren haben Sie Erfolg – wie viele unbeachtete Jahre lagen davor?
Viele. Ich male jetzt seit 23 Jahren. Es hat also 18 Jahre gedauert, eine eigene Sprache zu finden. Und das Tollste ist, dass ich jeden Tag aufs Neue das Gefühl habe: Ich lerne malen. Wie Claude Monet. Als er 70 und weltberühmt war, fragte man ihn einmal, was er sich noch wünsche. Seine Antwort: „Ich würde gerne mal ein gutes Bild malen.“ Das ist das Geheimnis!

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