Monika Rinck – Montagmorgens nach der Apokalypse

Alle Wecker klingeln, die Morschen erheben sich, schauen sich um, zögern. So viel Herbeigesehntes ist durchkreuzt und markiert. Etliches fehlt, wobei sich die Summe der Gebrauchtwaren immens vermehrt zu haben scheint. Unscharfe Gestalten pulsieren, lassen nach, sinken ab, um kurz darauf urplötzlich auszuholen, doch gegen wen? Gibt es sie noch, die Gegner? Tentakeln versanden. Das Auge sperrt sich, das Drehkreuz blockiert. Sturm auf das Drehkreuz! Ab hier gelten die Regeln der Antimaterie, bei gleichzeitigem Überdauern der Reste. Unmöglich. Welchen Dingen ähnelt das? Falsche Frage, ganz falsche Frage, seufzen die in bunten Bandagen schaukelnden Morschen. „Worin, warum und wie ähnelt dies nicht?“ , würde die Frage lauten, auf die richtige Weise gestellt. Ein Glöckchen tönt hell und verstummt. Das Hörnchen schaut auf. Es weiß eine einzige Sache jetzt sehr genau: Erst der Blick macht die Ware zur Halde.

Die Morschen stehen indes in kleinen Gruppen vor dem Geschehen. Sie bezeugen das Hervortreten des Hintergrundes und können ihren Blick davon nicht abwenden. Offenbar ist noch nicht alles zu Ende. Es lösen sich eigentümliche Formen ab. Als hätte die Materie einen eigengesetzlichen Formwillen entdeckt, und zwar für sich selbst, nur für sich selbst. Sie generiert und generiert und – leise meldet sich Chaosangst an, den Morschen wird‘s schaurig zumute. Was werden die Morschen mit diesem Schauer anstellen? Zunächst müssen die Vorhänge herabgerissen und in die Ecke getreten werden. So. Jetzt ist alles klar zu sehen: Also haben sich die Flecken gegen die Dinge erhoben, sie fordern die Figuren heraus, machen selbst vor dem Figürlichen nicht halt. Zu Hilfe! Der Doppelagent des Gegenständlichen betritt beherzt die ernste Stelle: „Diese kleinen roten Flecken stellen zweifellos Blumen auf einer Wiese dar.“ Auf einer Wiese? Große Verwunderung herrscht. Es gibt doch seit vielen hundert Jahren keine Wiesen mehr, denken die Morschen, sehr stumm. Der Doppelagent des Gegenständlichen steht offenbar kurz vor seiner Enttarnung. Der Gefahr bewusst, zieht er sich leise in den Bildhintergrund zurück und verwächst dort sogleich mit einer Kommode.

„Stets verschobene und unentwirrbar miteinander verknüpfte Visualitäten, die vom Wind des Unheimlichen angeweht werden, nie in sich selber ruhen, sondern statt dessen alles überwuchern oder aber in dunkle Tiefen verschwinden …“ So sieht es doch aus. Eine Projektion von Pigmenten, ein Wandbewurf. Wo sind die Gegenstände der sichtbaren Welt? Hier!, sagt ein vogelfüßiger Morsch und weist mit knorpeligen Fingern auf eine alte Reibe. – Wir haben auch Bohrer, knarrt er. Bohrer, Reiben und verzinkte Tomatenstäbe, sowie den einen oder anderen Blumenstrauß. Ist dies der materielle Rest eines ungelösten Rätsels? Eine Spur, an der entlang der Betrachter sich zurückbewegt, oder aber in die ganz andere Richtung geht, nämlich seinem Untergang entgegen? Da käme es jetzt drauf an, zu wissen, wo genau der Untergang sich befindet. Der Untergang hat zwar eine Zeit, aber keinen Ort, suggeriert ein bandagierter Taschendieb. Aber stimmt das auch? Am ersten Montag nach der Apokalypse verließ ein junger Morsch ganz früh am Morgen die Ruine seines Hauses – äußerlich ganz unversehrt, nur etwas ungewöhnlich koloriert. Ein Stigma auf der Haut eines Seligen, von ausgelassenen Unseligen mit Farbmatsch beworfen? Mag sein, doch jedes Spiel ist einmal vorbei. So auch dieses. Der junge Morsch hat das Orakel erreicht. Es ist eine sehr große Frau.

Die große Frau grollt. Die große Frau lehnt sich in die Luft hinein. Die große Frau besteht aus Eis. Sie besteht aus Höhe und Erscheinung. Sie wird nicht unbedingt gnädig sein. Die paradoxale Selbstdestruktion der großen Frau vollzieht sich folgendermaßen: Je heftiger ihr sie anbetet, umso tiefer sinkt sie hinab. Doch sie wird zur Riesin, in dem Moment, wo ihr euch von ihr abwendet. Jetzt überragt sie alle. Der Hintergrund kommentiert das nicht, denn er ist dazu gar nicht befugt. Er wurde gebannt, indem man ihn zeilenweise schwärzte wie ein umstrittenes Dokument. All dies ist im höchsten Grade materiell, das Immaterielle auch.

Der Weltgeist, eine verborgene, ehemals rotbunte Schmiere am oberen Bildrand – ist nicht mehr zu sehen. Das angeschlagene Mysterium, von längst verstorbenen Archäologen Scherbe für Scherbe zunächst mühsam zusammengesetzt, fällt wenige Minuten später vom Gerüst. Selbstverständlich ist das Ende der Welt nicht identisch mit dem Ende der Lohnarbeit. In der Ferne knallt die Luft wie eine Peitsche. Farbspritzer retten die Spontanität. Die Spontanität zappelt wie ein Frosch in der Hand eines Ahnungslosen. Das ist bestimmt eine Finte. Es ist eine Finte! Wieder knallt es. Logische Relationen werden nicht eindeutig wiedergegeben, doch auf mehr als drei unentschuldigte Fehltage folgt nach wie vor unvermeidlich die Kündigung.

He, he, ihr überlebenden Leitartikler, was steht denn in der Zeitung am ersten Montag nach der Apokalypse? Wurde nach dem großen Zusammenprall der Kontinentalplatten endlich über das Inkarnationsdogma entschieden?, wollen die Morschen wissen. Wo steht der Dax? Har, har, har lachen die Morschen tonlos. Es gibt hier kein Nirgendwo mehr. Alle Medien verstummten. Die Morschen finden sich am Montag nach der Apokalypse auf einem Ödland voller Flachkrater jenseits der Schienen wieder und sind ganz ohne Sujet. Könnten sie selbst nicht gleichfalls in die Unähnlichkeit hineinschlüpfen, sich darin verbergen und heute ausnahmsweise einen späteren Zug in die nächstbeste zerstörte Kreisstadt nehmen? Vergeht denn überhaupt noch Zeit? Solange Hunde vergehen, vergeht auch die Zeit, bestimmen die Morschen und lehnen sich sehr langsam zurück. Kein Lüftchen regt sich. Andere Frage: Fahren die Züge denn noch? Das weiß man irgendwie nicht.

Ein Haufen Leute, die mehr ineinander verschlungen als aufeinander bezogen sind, schauen in die Welt hinaus. Das ist die Manie vieler Einzelner, die selbst in großer Masse keine Gemeinschaft bilden. Die einsame fette Taube im Regen auf dem Zweig bewegt sich nicht. Nein, sie bewegt sich doch, aber es ist keine Taube. Das ist der Augenblick, wo das Sichtbare in das Visuelle umkippt, im Kontrast, im Kontakt mit dem Surrealismus. Moment!, schreien ein paar Expressionisten, gibt es denn den Surrealismus noch? Aber sicher!, antworten die Surrealisten und öffnen die Schubladen, schließen sie wieder, öffnen sie erneut, reißen sie am Ende ganz heraus. Aufhören, brüllt der Doppelagent des Gegenständlichen in seiner Kommode, hört doch bitte endlich damit auf. Doch außerhalb der Kommode ist sein Ruf nur ein abstraktes Kratzen. Das kann er natürlich nicht wissen.

Es gibt keine logischen Ketten im überzeitlichen Gewimmel, selbst stillgestellt in einem beliebigen Moment des Verfalls, bilden die Einzelteile keine Geschichte. Es gibt nichts, das nach einer kurzen Pause weitergehen könnte, außer eben dem Verfall. All diese Körper, Bänder, Verbände und Bandagen. Der Knäuel ist die obsolete Verbindung, von allem mit allem, die sich nicht mehr entwirren lässt, das Spruchband ganz ohne Spruch, getragen von einem stolzen Absolvent der Zombie Academy. Die logischen Ketten rasseln.

Unähnliche Ähnlichkeit. Die Figuren tragen schwer an ihrem Sinn. Sie sind geradezu von Sinn zerschmettert. Darin wiederum ähneln sie den Morschen, die am Montagmorgen nach der Apokalypse in den Trümmern nach ihren Steuerunterlagen suchen. Sind es denn noch Verkörperungen? Sicherlich. Heruntergekommene und dann in langen Jahren an den Wänden des dunklen Brunnens wieder heraufgekletterte Verkörperungen, die dünne Häutchen aussenden, die sich über der dampfenden Halde senken. „Viele der sichtbaren Dinge senden Körper aus. Teils werden sie lose zerstreut, so wie der Rauch, den Holz abgibt, oder die Wärme des Feuers. Andere wiederum sind enger verbunden und dichter, so das zu eng gewordene Kleid, das die Zikaden im Sommer abwerfen (…) Und wenn dies möglich ist, dann ist kaum zu bezweifeln, dass sich auch ein hauchdünnes Bildchen außen von den Dingen lösen kann: Warum sollten sich gröbere Häute leichter von den Dingen lösen und trennen als feinste Häutchen? Niemand hätte auch nur leiseste Gründe dafür.“

Die Wirksamkeit der Bilder, die Arbeit der Ähnlichkeit, die schwebenden Häutchen in den „Zonen relativer Defiguration“. Was wird denn hier gespielt? Nüschte, murmelt der diensthabende Pierrot. Alle anderen bleiben eigentümlich stumm. Knistern und knastern, mithilfe der bereitgestellten Materialien und Immaterialien. Wie klingen die Bilder? Hier, stell dich davor und frag dich, wie das klingt, schlagen die verbliebenen Morschen vor. Der Requisiteur als Sprengmeister hat sich des Arrangements angenommen. Alles, was nach der Explosion irgendwo landete, blieb von da an genau dort liegen, als werde es von seinem zufälligen Ort erzeugt. So finden die Dinge mit ihrem Ort, der sich in der Postproduktion nicht weiter um sie kümmert, zu sich selbst und treten sofort in einen heiteren Prozess der Verwahrlosung ein.

Es steht etwas zwischen den Stangen im Dunkeln. Ist es eine Züchtung? Nein, es handelt sich vielmehr um ein Missverständnis. Etwas zwickte die Zange im Dunkeln. Überall ist Blütenstaub und Farbpigment, sowie eine harte Konkurrenz zwischen Abstraktion und Konkretion. Der frisch bereitgestellte Doppelagent des Abstrakten fechtet im Spiegel gegen die von überall hineindrängenden Gegenstände. Einen nach dem anderen spießt er auf seine schlanke Waffe und schüttelt sie schließlich über der Halde ab. Es gibt nicht eine Stelle, wo dies keine Spuren hinterließ. Mit den Spuren tritt die Zeit hinein. Hier ist schon wieder dieser ernste Fleck. Wärme dient als Steuerungseinheit. Die Morschen beobachten mit einer gewissen Skepsis das Überhandnehmen der Abstraktion und schleppen schnell weiteren Dinge herbei, Stuhlbeine, Steine, Schädel, Schläuche und Kabel. Was ist das überhaupt, eine Steuerungseinheit? Es ist in etwa so, als ob man mit Knochen Wunder wirken könnte, die hinfort den Maßstab veränderten. Mit vielen verschiedenen Knochen. Heidnischen Gebeinen. Moosen. Steinen. Eingeweiden. Upperclass. Proportionsverschub und die Präsenz dessen, was nicht mehr da ist. Das Bild sagt nicht nein. Die Morschen sind jetzt doch etwas gereizt, rasseln mit den logischen Ketten und bilden Haufen. Akkumulation oder Debris, die herumfliegenden Teile bilden den unverzichtbaren Proviant, das „Glücksarsenal des Kaputten“ . Wie sich der Ort doch der Normalität entwindet – am ersten Montagmorgen nach der Apokalypse.

Allein die Tiere scheinen nicht weiter besorgt. Der große Kranich blickt auf viele, die sich winden. Irres Licht. Die Farben strahlen, doch das Geländer ist locker. Unter all den Schichten lebt noch eine ganze Sippschaft Gnome und fragt sich, wo ist unsere Lust geblieben, in dieser miesen in eine Garage hineingebauten Mysteriengrotte. Ein hoher Verschmelzungsdruck liegt auf den arrangierten Quadern, das letzte der zahllosen Fin-de-Siècle-Picknicks scheint ein wenig aus dem Ruder zu gelaufen zu sein. Sehen wir jetzt, was nicht mehr da ist?, fragen sich die Morschen. Nein, widerspricht der Doppelagent des Gegenständlichen: Wenn es nicht mehr wäre, könntet ihr es nicht sehen. Ein stumpfes Guckloch wandert durch die Welt – wie weit muss man sich in die äußerste Finsternis begeben, um die Dinge endlich aus der Nähe zu sehen?, wollen sie Morschen von dem Doppelagent des Gegenständlichen wissen, doch dieser hält sich erstaunlich bedeckt. Ein trotziger Neonhirsch taucht im Dickicht auf, taucht sogleich wieder ab. Noch ist kein einziger Schuss gefallen.

Große Müdigkeit herrscht am ersten Montagvormittag nach der Apokalypse. Was ist denn übriggeblieben? Gegenstände oder Ungegenstände? Ist überhaupt etwas übriggeblieben? Immerzu steht der Morsche inmitten der Defiguration und verhandelt mit seinem Willen, etwas zu erkennen. Kann ich etwas erkennen? Ein Griff, der ins Leere geht, ein sich lösender Krampf, eine krampfende Lösung in Gestalt einer Qualle. Was aber ist ein Gegenstand, fragt sich der Gnom, irr wie das Wetter. Eine ernste Stelle, von gestaltlosen Ornamenten durchtobt, die sogleich unter neuen Farbschichten verschwunden ist. Wo sie war, entstehen neue Flächen, denen noch der geringste Hauch von Wiedererkennbarkeit ermangelt. Die Augen stürzen daran vorbei. Die Farbe hat sich von den Konturen befreit, in einem massiv gekippten Raum. Woher weiß der Gnom, dass der Raum gekippt worden ist? So etwas wissen Gnome einfach. Und hineinflutet in den gekippten Raum: Das Flirren der Fläche mit unzähligen Dingen, Morschen und anderen Wesen, die einander auf unähnliche Art ähnlich erscheinen. Das ist ihr großer gekippter Raum, in dem sie sich weiter vermehren, am ersten Montag nach der Apokalypse.